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Adventskalender 2020, 24. Fenster

Aus den Memoiren von Georg Klingenberg: Was bleibt eigentlich Übrig?

In unserem 24. Adventskalenderfenster wollen wir etwas Persönliches aus der Verlagsgeschichte vorstellen. Eine nachdenkliche und zum Nachdenken anregende Passage aus den unveröffentlichten Memoiren von Georg Klingenberg, ohne den es den Verlag nicht gäbe. Alles weitere Hintergründige steht im Geleitwort. Wir wünschen eine frohe Weihnachtszeit, natürlich Gesundheit und daß Sie das, was im Guten übrigbleibt, mit Zuversicht ins Neue Jahr bringen wird.

 

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Aus den Memoiren von Georg Klingenberg: Was bleibt eigentlich übrig?

Was bleibt eigentlich übrig als Ergebnis von drei bis vier Jahrzehnten, dem Durchschnitt, wo man wirklich wirkt? Im Prinzip sind es ein paar Buchdeckeln, die, wenn man Glück hat, von zufällig Vorübergehenden zunächst überflogen und dann bei Interesse geöffnet werden. Kann das die Botschaft sein, die ein Mensch hinterläßt? Ja, sie kann es sein, wenn das zwischen den Buchdeckeln Vermittelte anderen Menschen nicht nur Wissenszuwachs, sondern auch Erleichterungen im alltäglichen Leben bringt.
Eine weitere grundsätzliche Frage liegt darin, ob die ältere Generation, die in ihren Ergüssen sich an die jüngere wendet, den Jüngeren wirklich etwas Vorteilhaftes bringen kann, weil sie ja mit der Materie in der Regel weniger gut vertraut ist als die jüngere Generation, oder ob man nicht – jetzt sehr salopp formuliert – die ältere Generation von vornherein außer Acht lassen soll, weil sie »eh nichts versteht«.
Es läßt sich nur dann rechtfertigen, wenn die Erfahrung der Älteren so gestaltet ist, daß die Jüngeren davon doch einiges mitnehmen können, was sie sonst nicht hätten. Skeptisch bin ich allerdings aus eigener Erfahrung, weil ich in der damaligen Situation der älteren Generation mit dem grundsätzlichen Bedenken begegnet bin, daß ich mir »von denen nichts sagen lassen muß«.
Dazu kommt auch ein gewisses Bedürfnis sich selbst darzustellen und die Umgebung auch zu unterhalten. Ich könnte mir ein Wirken in der Art und Weise nicht vorstellen, wo ich nur etwas referiere und keine eigenen aufheiternden Beiträge leiste. Es geht mir hier ähnlich wie einem Schauspieler, der auch den Applaus zum Überleben braucht. Auch im Unterricht war ich nicht ungern der Kasperl, sowohl in der Schule als auch auf der Uni. Es hat mir schon sehr viel gegeben, wenn ein sogenannter Sager gut angekommen ist.
Wir hatten z.B. in der Schule als freiwilligen Gegenstand darstellende Geometrie. Professor Fauland hatte eine komplexe Skizze auf die damals noch existierende Tafel gemalt und fragte mit hilflosem Blick in das Publikum: Wie werden wir den Fernpunkt jetzt finden? Meine spontane Antwort: »Wer suchet der findet« brachte mir zwar einen Karzer, aber auch die Sympathie der Kollegen ein.
Als Professor erinnere ich mich noch als Hintergrund einer Vorlesung an den Tod von Alfred Hitchcock, den ich wie folgt kommentierte: Mehr als dieser Regisseur kann ich Ihnen leider auch nicht bieten. Zwei Hörsäle der Wiener Universität – es wurde auch in einen anderen übertragen – haben gebrüllt.
Man ist stolz wenn das Werk ein körperliches Substrat hat, auf das man zeigen kann. Comissum, Prüfungskunde, Servus Fugitivus sind etwas, was es noch nicht gegeben hat. (blickt auf) Wenn das mit der Prüfungskunde klappt, dann ist meine Mission erfüllt.
Man hofft, in den Kindern weiterzuwirken, allerdings – und das ist die große Gefahr auch bei uns – ohne das Kind zum eigenen Abbild zu machen.

– Auszug aus Georg Klingenbergs Memoiren (unveröffentlicht)

 

Über die Entstehung der Memoiren von Georg Klingenberg

von Paul Klingenberg

Am Anfang dieses Adventskalenders stand die Frage: Wo kommen wir da hin? Zu diesem Zeitpunkt hätte ich nicht gedacht – und es kam mir bis vor kurzem auch nicht in den Sinn – hier einen Auszug aus den Memoiren meines Vaters mit Gedanken zu der Frage, was übrigbleibt, zu veröffentlichen. Er diktierte sie mir wenige Wochen vor seinem Tod. Ob der Wunsch, diese aufzuzeichnen, mehr von ihm oder doch mehr von meiner Seite ausging, kann ich nicht beantworten. Sein – vor allem anfangs recht widerborstiges – Fragen: »Interessiert das überhaupt irgendjemanden, was ich da sage!?« riß uns aus mancher hochkonzentrierter Schreibphase während des Diktats. »Ja, mich!« war meine mehrmals doch recht resolut angebrachte Antwort (den Zusatz »und das muß reichen«, behielt ich aber doch bei mir), die gröbere Schreibblockaden, ernste Zweifel oder einen Abbruch unseres gemeinsamen Projekts wahrscheinlich besser verhindert hat, als diese Widerstände ernstzunehmen. Je mehr wir uns auf den Schreibprozess einließen, desto unwichtiger war uns dann auch, welchen Zweck das Festgehaltene und Artikulierte einmal erfüllen solle – wir waren einfach Vater und Sohn in einem Hospiz, die füreinander da waren, einander lieb hatten und das Interesse am Anderen unbekümmert zulassen konnten. Ich in der Rolle des Zuhörenden und Fragenden, er als Erzählender und auf sein Leben Zurückschauender. Manchmal gab das Angesprochene Anlaß zur Diskussion, aber wenn man weiß, daß man nur mehr wenige Wochen oder Tage gemeinsam hat, will man sich nicht lange mißverstehen – und überhaupt wollten wir das nicht. Entstanden ist daraus eine Textsammlung, die so bunt zusammengewürfelt ist wie dieser Adventskalender. Texte über das Universitätsleben und die Universität als Heiratsmarkt, diverse Glossen und anekdotische Erzählungen darüber, wie er als Jugendlicher und Student die Nachkriegszeit in Graz erlebt hat, verstreute Quisquilien (um dieses unsägliche Wort einmal verwendet zu haben) literarisch-essayistischer Natur, aber zu einem großen Teil die Familiengeschichte, wobei er vor allem von seiner verstorbenen und geliebten Frau, meiner Mutter, erzählte. Es blieb offen, was mit dem Manuskript geschehen solle und die eigen-artige Mischung an Texten machte eine rasche Herausgabe, insofern diese überhaupt sinnvoll ist – mein Vater war ja keine Berühmtheit und keine Peron des öffentlichen Lebens –, nicht möglich. Für äußerst wertvoll halte ich jedoch den folgenden Auszug. Es sind aufrichtige Gedanken eines Menschen, der gelebt und intellektuell gewirkt hat, und der weiß, daß er bald sterben wird. Es ist auch ein Stück Verlagsgeschichte darin: mit Freude eigene Wege zu gehen, nicht zum Abziehbild zu werden, aber das Erinnern, die Vergangenheit, ein Ahnen und die Ahnen zuzulassen und zu ehren. 

Georg Klingenberg

Georg Klingenberg

Georg Klingenberg war Jurist und Universitätsprofessor wie auch – was er gerne erwähnt haben wollte – jahrzehntelang als Nachhilfelehrer aktiv. Da diese Seite einen persönlichen Hintergrund und nicht den normierenden Anspruch einer wissenschaftlichen Publikation hat, will und soll erwähnt werden, daß er Vater von vier Söhnen, passionierter Wanderer und ein ausgezeichneter Kürbiscremesuppenkoch war. Zu seinen wichtigsten Publikationen zählte er das Comissum, den Servus fugitivus und die Prüfungskunde. Hier eine Übersicht der Bücher von Georg Klingenberg.

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