Adventskalender 2020, 23. Fenster

»Präludium für ein Garnichts« von Jim Palmenstein

Morgen ist Weihnachten. Darum gibt es heute das Präludium für ein Garnichts. Scherz beiseite, die Koinzidenz hat sich absichtslos ergeben, aber sie ist ja nicht ganz unpassend: Für viele fällt ja in diesem Jahr das Weihnachtsfest, wie sie es kannten und sich gewünscht haben, ins Wasser. In diesem Text geht es aber nicht unbedingt um Weihnachten, sondern um Tage, die gewaltig sind, und die Jahre des Grübelns nach sich ziehen … einem vielleicht auch schon das Leben gerettet haben. Er ist abgedruckt in den wundersamen Leuchtfeuern im Kupfer der Dämmerung von Jim Palmenstein, dem Schreib-prosalyrik-vollerFacetten-Leuchtfeuer-Realitätsskizzentraumnebel-Kunst-Werk (Francisco Cienfuegos) in edler ›Dunhill-Optik‹, das im Sommer 2018 im Verlag Klingenberg erschienen ist. Wir haben das Gedicht für euch eingelesen und in zwei Teile aufgeteilt. Wir beginnen, weil’s so schön ist mit Teil II, gelesen von Laura Schuler:

Präludium für ein Garnichts

Es gibt Tage, die gewaltig sind, großartig, ohne daß man mit jemandem gut gekocht hat oder ein vergessener Freund ganz nah zu Besuch war, ohne daß man sich selbst übertroffen hätte in der Arbeit oder im Spiel, oder einem ein öffentlicher Preis verliehen worden wäre.
Vielleicht geschieht es bei tief blauem Himmel, wo vom Flug der Schwalben, den flinken molligen, die Augen andächtig werden, beim Glitzern eines Gewässers im stillen Sommer, wenn ein Flugzeug vergessen um die Sonne dröhnt.
Vielleicht geschieht es im Winter, wenn im Nebel grauer Straßen die Laternen in großen Lichtkugeln glimmen, oder in keiner Jahreszeit, sondern in der Mittagspause beim Brotauspacken.
Auf jeden Fall, wie auch immer, rückt schlagartig ein Gedanke, ein altbekannter, langweilig gewordener, zum Greifen nah mitten an das Herz des Augenblicks heran, und nichts scheint sich diesem Gedanken in den Weg stellen zu wollen.
Der Weg ist offen.
Um zu spüren, was man denkt, um selbst das zu sein, was man spürt, zu sein, was man denkt, und zu sein, was man will.
Und mit einem Mal ist vergessen, daß eigentlich alles im Leben mißglückt, vergessen, daß all das Verheißungs­volle ein blödsinniges offnes Ende haben kann, oder im Trott versandet.
Keine Kälte lähmt, jede Boshaftigkeit, die wieder mal selbstsicher nach dir greifen will:
Fern, lächerlich, bedauernswert.
Keine Hitze blendet, alle Wut, die auf dich einstürzt, zertrümmert sich selbst vor deinen leicht ­erschrockenen Augen.
Wie oft geschah das? Was?
Tage! Die Jahre des Grübelns nach sich ziehen, was da wohl wirklich war?
Fröhliche Jahre, erfüllt von fröhlicher Grübelei. Und Hoffnung.
Bunte Jahre, turbulente Jahre, wer weiß?
Oder traurige Jahre. Stille Jahre. Lange Jahre.

Vielleicht?
Verstummt immer dann eine Frage von den vielen?
Um dem Nachklang der Musik dieses einen Tages…
In all den Jahren später nachzuspüren.
Ein Ausklingen in den Hallen unserer Seelen.
Bis die immer dünner werdenden lauschenden Membran­häute der Stille zerreißen oder zerfallen – wenn neues Licht hereindringt und das alte Schweigen bricht.
Ich weiß nicht, aber ich denke, . .
Solche Tage sind bei allen Menschen so selten:
Tage, die geöffnet sind
Um zu spüren, was man denkt.
Um zu sein, was man ist.

Und es ist bestimmt.
Noch seltener, daß zwei von den Menschen
Sich so zum Greifen nah mitten im Herzen eines
Augenblicks einander nahekommen.
Daß nichts im Weg steht. Als daß der eine nicht spüren könnte, was der andere denkt, als daß einer nicht täte, was dem Anderen fehlt.
Und jetzt…
Sind die Abgründe, die blödsinnigen und die unsinnig klaffenden vergessen.
Alle Rücksicht und Vorsicht einmal nicht mehr nötig.
Menschen, was weiß ich schon von mir und ihnen, sprechen zuweilen mit großen Augen vom sich Verlieben, wenn es ihnen passiert, und solche Tage ziehen auch Jahre des Grübelns nach sich, mal gemeinsam, mal jeder für sich allein, was da denn wohl war. Frohe Jahre, voller Hoffnung, oft auch lange, traurige Jahre…

* * *

Sag mir
die tage
die lieben
die gefürchteten
die leben
wo gehn sie hin
ein ewiger abschied auf immer
warum dann erinnerung
und sag mir die schuld
die offen bleibt
nach jedem glück
umsonst der wunsch nach dauer
und sag mir
wie es kommt
daß ich selbst noch bei mir bin

 

von Jim Palmenstein

Jim Palmenstein

Jim Palmenstein ist Poet, Satiriker und Geschichtenerzähler mit einem Hauch von philosophischem Witz. Der Autor lebt zurzeit in der Nähe von Mainz. Im Verlag Klingenberg erschienen sind Leuchtfeuer im Kupfer der Dämmerung, Der marokkanische Teppich und Xenia. Neue Texte erscheinen in unregelmäßigen Abständen im Visionisten-Blog und auf Facebook.

 

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