Jim Palmensteins Poesie: Über Leuchtfeuer im Kupfer der Dämmerung

Das leuchtende Wort (oder Grenzen sind für Begrenzte)

von Francisco Cienfuegos | aktualisiert am 26.06.2019

Manche kön­nten denken, dass dieses Werk für einen Lyrik­band zu umfan­gre­ich, zu kom­plex, zu volu­minös, zu unüber­sichtlich, ja fast schon „ent­gren­zend“ wäre. Aber was wäre (gute) Lyrik, wenn sie nicht Herkömm­lich­es in Frage stellt? Oder anders gesagt: entste­ht Lyrik oder lyrische Prosa nicht erst dadurch, dass Gren­zen über­schrit­ten wer­den: ratio­nale, nor­ma­tive, kul­turell tradierte… wenn es nicht einen Pablo Neru­da gegeben hätte, der die Poe­sie aus dem ver­staubten Kanon der Metrik befre­it hätte oder Rilke, der durch die Aus­druck­skraft ein­er bis dahin unbekan­nten inten­siv­en emo­tion­al-sinnlichen Bilder­sprache die psy­chis­chen Schicht­en ein­er gesamten Gen­er­a­tion zu durch­drin­gen ver­mochte… was wäre Poe­sie ohne Mut zum Neuen? Ein leeres Gefäß… und davon gibt es schon allzu viele.

Und außer­dem, am Rande bemerkt: Wer sagt denn, dass es sich bei „Leucht­feuer im Kupfer der Däm­merung“ um einen Lyrik­band han­delt? Müssen wir denn jedes Buch kat­e­gorisieren, zuord­nen, in ein fik­tives Schubladen­sys­tem steck­en? Mit Jim Pal­men­stein kann man es zwar ver­suchen, aber es wird nicht gelin­gen. Weil es nie das ist, was es zu sein scheint… oder: es ist, was es ist. Und auch nicht. Ein fliegen­der Tep­pich.

Nein, Jim Pal­men­steins Werk ist eine Über­raschungskiste. Ein opu­lentes Schreib-pros­alyrik-voller­Facetten-Leucht­feuer-Real­itätsskizzen­traum­nebel-Kun­st-Werk. Schon mit dem Titel des ersten Kapi­tels beg­ibt man sich auf einen Gipfel, von dem man das Wech­selver­hält­nis von Fremd- und Selb­st­wahrnehmung wie eine weite Land­schaft erblickt. Höch­stes Niveau:
„Mit allem eins?/Oder ist alles ganz anders?“
Anders als was?, ist man da ver­sucht zu fra­gen – anders als eins? Wenn es anders als eins ist, impliziert das nicht bere­its die Exis­tenz – oder die Wirk­lichkeit – ein­er Allver­bun­den­heit? Es geht hier um die Antin­o­mie von Nähe und Abgren­zung, die der Autor immer wieder schweigend, denk­end, sin­gend, satirisch, poet­isch, tief­gründig, humor­voll, empathisch, autis­tisch, malerisch, nackt, nüchtern, ver­liebt, ver­lassen, suchend… the­ma­tisiert.

Prosa und Lyrik gehen fort­laufend ineinan­der über, fließen mal getren­nt voneinan­der, dann wieder gemein­sam, ver­bun­den in der Per­spek­tive auf das Leben an sich, ver­mis­chen sich, um neuar­tige Gebilde von Gefühlsstrukturen/Gefühlsadern zu kon­stru­ieren. Prosa und Lyrik verzah­nen sich. Das eine ver­wan­delt sich fast unbe­merkt in das andere, aus ein­er kurzen Erzäh­lung wird ein Gedicht, aus poet­is­ch­er Prosa kristallisiert sich Poe­sie her­aus. Und der Leser ver­wan­delt sich mit diesem Strom selb­st in Bilder­worte und Wort­bilder.

Jim Pal­men­steins Werk ist ein fliegen­der Tep­pich. Ver­wand­lungsza­uber. Es nimmt dich über­all mit. Traum­staub. Auf dem Boden der Tat­sachen gelandet, auf dem jene Träume zer­schellen, um in erneutem Traum­staub zu zerge­hen.

Jim Pal­men­steins Werk ist eine sozialkri­tis­che Studie. Weil es die Utopie als einzige Möglichkeit zwis­chen­men­schlichen Über­lebens sinns­tif­tend impliz­it her­vorhebt. Und dabei in ein­er einzi­gar­ti­gen Insze­nierung von Sprache, Ungle­ich­heit, Angst, Vere­in­samung sowie das Ver­hält­nis zwis­chen materieller und geistiger Armut in ein­er ein­drucksvollen Sprache klei­det.

Jim Pal­men­steins Werk ist reine Poe­sie. Weil es Stile über­schre­it­et und Stille her­vor­ruft. Weil es die Vielschichtigkeit der Real­ität in Far­ben der Wirk­lichkeit ver­wan­delt. Weil das Wort als Pris­ma in Erschei­n­ung tritt:

„Und wenn es so wäre, dass du hättest gehen kön­nen? / damals, irgend­wann / gegan­gen wärst / nur und nur deinem Herz, dem Drang deines Füh­lens gefol­gt / wenn du niemals gehört hättest / zu früh gewusst / vom Brot, was man den Armen weg­n­immt / von den Bomben, die so viele Träume ver­bran­nten / hättest du niemals von weit­em das Weinen und die Schreie / gehört…“
– „
wenn du hättest gehen kön­nen!

Ich ver­wende mit­tler­weile dieses wun­der-volle Buch als Denk-begleit­er, mein neu­rol­o­gis­ches Nav­i­ga­tion­ssys­tem. Jed­erzeit finde ich Perlen darin, erlesene Fund­stücke.

Die Kom­bi­na­tion von Fein­füh­ligem, Groteskem, Tief­sin­nigem durchtränkt von Rück­blenden und Skur­rilem ist auf großar­tige Weise gelun­gen.

Wer das Leben liebt und has­st, wer das Leben als Wag­nis… als Reise auf einem fliegen­den Tep­pich betra­chtet, wer gerne Gedichte liest, aber ab und zu wertvolle Prosastücke, wie saftig-pralle Früchte, genußvoll kosten möchte, wird es als Schatzk­iste begreifen; und vielle­icht find­et man darin sog­ar Ver­schol­lenes, wonach man lange, sehr lange, gesucht hat. 

Fran­cis­co Cien­fue­gos, geboren in Isla Cristi­na (Andalusien), kam als Sohn spanis­ch­er Gas­tar­beit­er nach Frank­furt. Als pro­moviert­er Erziehungswis­senschafter lehrt er heute an der Fach­schule für Sozial­we­sen in Frank­furt am Main. Fran­cis­co Cien­fue­gos ver­fasst Lyrik auf Deutsch und Spanisch und ist Über­set­zer von Gedicht­en in bei­den Sprachen. Er ist Mit­be­grün­der der Autoren­gruppe »Spanis­che Poe­sie und Prosa in der Migra­tion«.

Werke:
– …und bricht das herz die ein­samkeit, Größen­wahn, 2018
– Reger Laut im Zwis­chen­raum. Ver­to­nungsskizzen gegen das Erstar­ren, Berg­er, 2015
– Via­je al fin del recuer­do”, Edi­to­r­i­al Care­na, 2015

Zur Home­page des Autors

Jim Pal­men­stein
Leucht­feuer im Kupfer der Däm­merung
Gedichte und Erzähltes aus vier Jahrzehn­ten

448 Seit­en, Bib­lio­phile Aus­gabe
ISBN 978–3‑200–05502‑5

Jim Palmensteins Poesie: Über Leuchtfeuer im Kupfer der Dämmerung

Das leuchtende Wort (oder Grenzen sind für Begrenzte)

von Francisco Cienfuegos | aktualisiert am 26.06.2019

Manche kön­nten denken, dass dieses Werk für einen Lyrik­band zu umfan­gre­ich, zu kom­plex, zu volu­minös, zu unüber­sichtlich, ja fast schon „ent­gren­zend“ wäre. Aber was wäre (gute) Lyrik, wenn sie nicht Herkömm­lich­es in Frage stellt? Oder anders gesagt: entste­ht Lyrik oder lyrische Prosa nicht erst dadurch, dass Gren­zen über­schrit­ten wer­den: ratio­nale, nor­ma­tive, kul­turell tradierte… wenn es nicht einen Pablo Neru­da gegeben hätte, der die Poe­sie aus dem ver­staubten Kanon der Metrik befre­it hätte oder Rilke, der durch die Aus­druck­skraft ein­er bis dahin unbekan­nten inten­siv­en emo­tion­al-sinnlichen Bilder­sprache die psy­chis­chen Schicht­en ein­er gesamten Gen­er­a­tion zu durch­drin­gen ver­mochte… was wäre Poe­sie ohne Mut zum Neuen? Ein leeres Gefäß… und davon gibt es schon allzu viele.

Und außer­dem, am Rande bemerkt: Wer sagt denn, dass es sich bei „Leucht­feuer im Kupfer der Däm­merung“ um einen Lyrik­band han­delt? Müssen wir denn jedes Buch kat­e­gorisieren, zuord­nen, in ein fik­tives Schubladen­sys­tem steck­en? Mit Jim Pal­men­stein kann man es zwar ver­suchen, aber es wird nicht gelin­gen. Weil es nie das ist, was es zu sein scheint… oder: es ist, was es ist. Und auch nicht. Ein fliegen­der Tep­pich.

Nein, Jim Pal­men­steins Werk ist eine Über­raschungskiste. Ein opu­lentes Schreib-pros­alyrik-voller­Facetten-Leucht­feuer-Real­itätsskizzen­traum­nebel-Kun­st-Werk. Schon mit dem Titel des ersten Kapi­tels beg­ibt man sich auf einen Gipfel, von dem man das Wech­selver­hält­nis von Fremd- und Selb­st­wahrnehmung wie eine weite Land­schaft erblickt. Höch­stes Niveau:
„Mit allem eins?/Oder ist alles ganz anders?“
Anders als was?, ist man da ver­sucht zu fra­gen – anders als eins? Wenn es anders als eins ist, impliziert das nicht bere­its die Exis­tenz – oder die Wirk­lichkeit – ein­er Allver­bun­den­heit? Es geht hier um die Antin­o­mie von Nähe und Abgren­zung, die der Autor immer wieder schweigend, denk­end, sin­gend, satirisch, poet­isch, tief­gründig, humor­voll, empathisch, autis­tisch, malerisch, nackt, nüchtern, ver­liebt, ver­lassen, suchend… the­ma­tisiert.

Prosa und Lyrik gehen fort­laufend ineinan­der über, fließen mal getren­nt voneinan­der, dann wieder gemein­sam, ver­bun­den in der Per­spek­tive auf das Leben an sich, ver­mis­chen sich, um neuar­tige Gebilde von Gefühlsstrukturen/Gefühlsadern zu kon­stru­ieren. Prosa und Lyrik verzah­nen sich. Das eine ver­wan­delt sich fast unbe­merkt in das andere, aus ein­er kurzen Erzäh­lung wird ein Gedicht, aus poet­is­ch­er Prosa kristallisiert sich Poe­sie her­aus. Und der Leser ver­wan­delt sich mit diesem Strom selb­st in Bilder­worte und Wort­bilder.

Jim Pal­men­steins Werk ist ein fliegen­der Tep­pich. Ver­wand­lungsza­uber. Es nimmt dich über­all mit. Traum­staub. Auf dem Boden der Tat­sachen gelandet, auf dem jene Träume zer­schellen, um in erneutem Traum­staub zu zerge­hen.

Jim Pal­men­steins Werk ist eine sozialkri­tis­che Studie. Weil es die Utopie als einzige Möglichkeit zwis­chen­men­schlichen Über­lebens sinns­tif­tend impliz­it her­vorhebt. Und dabei in ein­er einzi­gar­ti­gen Insze­nierung von Sprache, Ungle­ich­heit, Angst, Vere­in­samung sowie das Ver­hält­nis zwis­chen materieller und geistiger Armut in ein­er ein­drucksvollen Sprache klei­det.

Jim Pal­men­steins Werk ist reine Poe­sie. Weil es Stile über­schre­it­et und Stille her­vor­ruft. Weil es die Vielschichtigkeit der Real­ität in Far­ben der Wirk­lichkeit ver­wan­delt. Weil das Wort als Pris­ma in Erschei­n­ung tritt:

„Und wenn es so wäre, dass du hättest gehen kön­nen? / damals, irgend­wann / gegan­gen wärst / nur und nur deinem Herz, dem Drang deines Füh­lens gefol­gt / wenn du niemals gehört hättest / zu früh gewusst / vom Brot, was man den Armen weg­n­immt / von den Bomben, die so viele Träume ver­bran­nten / hättest du niemals von weit­em das Weinen und die Schreie / gehört…“
– „
wenn du hättest gehen kön­nen!

Ich ver­wende mit­tler­weile dieses wun­der-volle Buch als Denk-begleit­er, mein neu­rol­o­gis­ches Nav­i­ga­tion­ssys­tem. Jed­erzeit finde ich Perlen darin, erlesene Fund­stücke.

Die Kom­bi­na­tion von Fein­füh­ligem, Groteskem, Tief­sin­nigem durchtränkt von Rück­blenden und Skur­rilem ist auf großar­tige Weise gelun­gen.

Wer das Leben liebt und has­st, wer das Leben als Wag­nis… als Reise auf einem fliegen­den Tep­pich betra­chtet, wer gerne Gedichte liest, aber ab und zu wertvolle Prosastücke, wie saftig-pralle Früchte, genußvoll kosten möchte, wird es als Schatzk­iste begreifen; und vielle­icht find­et man darin sog­ar Ver­schol­lenes, wonach man lange, sehr lange, gesucht hat. 

Fran­cis­co Cien­fue­gos, geboren in Isla Cristi­na (Andalusien), kam als Sohn spanis­ch­er Gas­tar­beit­er nach Frank­furt. Als pro­moviert­er Erziehungswis­senschafter lehrt er heute an der Fach­schule für Sozial­we­sen in Frank­furt am Main. Fran­cis­co Cien­fue­gos ver­fasst Lyrik auf Deutsch und Spanisch und ist Über­set­zer von Gedicht­en in bei­den Sprachen. Er ist Mit­be­grün­der der Autoren­gruppe »Spanis­che Poe­sie und Prosa in der Migra­tion«.

Werke:
– …und bricht das herz die ein­samkeit, Größen­wahn, 2018
– Reger Laut im Zwis­chen­raum. Ver­to­nungsskizzen gegen das Erstar­ren, Berg­er, 2015
– Via­je al fin del recuer­do”, Edi­to­r­i­al Care­na, 2015

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Fran­cis­co Cien­fue­gos, geboren in Isla Cristi­na (Andalusien), kam als Sohn spanis­ch­er Gas­tar­beit­er nach Frank­furt. Als pro­moviert­er Erziehungswis­senschafter lehrt er heute an der Fach­schule für Sozial­we­sen in Frank­furt am Main. Fran­cis­co Cien­fue­gos ver­fasst Lyrik auf Deutsch und Spanisch und ist Über­set­zer von Gedicht­en in bei­den Sprachen. Er ist Mit­be­grün­der der Autoren­gruppe »Spanis­che Poe­sie und Prosa in der Migra­tion«.

Werke:
– …und bricht das herz die ein­samkeit, Größen­wahn, 2018
– Reger Laut im Zwis­chen­raum. Ver­to­nungsskizzen gegen das Erstar­ren, Berg­er, 2015
– Via­je al fin del recuer­do”, Edi­to­r­i­al Care­na, 2015

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Jim Pal­men­stein
Leucht­feuer im Kupfer der Däm­merung
Gedichte und Erzähltes aus vier Jahrzehn­ten

448 Seit­en, Bib­lio­phile Aus­gabe
ISBN 978–3‑200–05502‑5

Jim Pal­men­stein
Leucht­feuer im Kupfer der Däm­merung
Gedichte und Erzähltes aus vier Jahrzehn­ten

448 Seit­en, Bib­lio­phile Aus­gabe
ISBN 978–3‑200–05502‑5