Nicht für’s Leben, für die Schule lernen wir !?

“Wie wird aus einem Manuskript ein fer­tiges Buch?” “Kann man von Büch­ern eigentlich leben?”, “… und was macht eigentlich ein Fein­daufk­lär­er?” Diese und einige Fra­gen mehr beant­wortete Paul Klin­gen­berg am 9. April Schülern des Alten Gym­na­si­ums Leoben. Teil des lit­er­arischen Buf­fets waren auch eine Lesung, frischge­druck­te Leseze­ichen und eine spon­tan ein­gerichtete ‘Prägew­erk­statt’.
ein Rück­blick von Paul Klin­gen­berg

 

“Man schreibt einen Bestseller und wird reich! …oder?”

“Lest ihr über­haupt Büch­er?” Eine Ein­gangs­frage, die bei meinem ersten Auftritt vor ein­er Gruppe 16-jähriger Schüler am Mon­tag­mor­gen als guter Eis­brech­er fungierte. Schließlich wusste ich ja nicht, mit wem ich es zu tun habe: lit­er­at­u­raf­finen Lese­begeis­terten, die von Käst­ner zu Mann über Nöstlinger bis Joanne K. Rowl­ing bere­its alles durchgewälzt hat­ten, was man als Jugendlich­er in die Hände bekommt (oder bekom­men sollte); Lese­muf­fel, deren Buch­stabenkon­sum sich auf soziale Medi­en und What­sapp beschränkt; oder würde die Wahrheit  wie so oft  irgend­wo dazwis­chen liegen?
Ja, viele der Schüler gaben an, daß sie in ihrer Freizeit Romane, Sach­büch­er und Krim­is lesen, und ja, die meis­ten wußten auch, daß die Bibel das meist­ge­le­sene und meistüber­set­zte Buch der Welt ist. Keine große Neuigkeit. Als ich dann aber ver­ri­et, daß allein in Deutsch­land jährlich über achtzig­tausend neue Büch­er erscheinen, erfüllte sich die Klassen­z­im­mer­at­mo­sphäre mit ein­er Mis­chung aus Verblüf­fung und Staunen. Staunen! Ein Erfol­gser­leb­nis, das man als Vor­tra­gen­der, wie mein Vater ein­mal sagte, so nötig hat, wie ein Schaus­piel­er den Applaus seines Pub­likums.
Auch die Ken­nt­nis, daß man sich als Autor oder mit einem Ver­lag nur im wün­schenswerten Aus­nah­me­fall seinen Leben­sun­ter­halt ver­di­enen kann, hat sich in Schülerkreisen noch nicht herumge­sprochen: “Glaubt ihr, daß man durch den Verkauf von Büch­ern gut leben kann? Und wenn ja, unter welchen Bedin­gun­gen?” “Ja sich­er! Man schreibt einen Best­seller und wird reich damit! …oder?” Natür­lich. In der Regel schon!  Eine Auflis­tung, wie hoch der prozentuelle Anteil pro verkauftem Buch für Autor, Ver­lag, Händler, Druck­er, Mar­ket­ing und Nebenkosten ist, kon­nte diese zweifel­los char­mante Voran­nahme etwas näher an die realen Ver­hält­nisse her­an­führen.
Was für die Schüler auss­chlaggebend sei, beim Kauf eines Buch­es? Die ein­hel­lige Antwort in allen drei besucht­en Klassen: “Ein schönes, ansprechen­des Cov­er”. Klar: “You always judge a book by its cov­er”, sagt auch der Volksmund. Und da ist was Wahres dran!

Buch kommt von Buche — Die Materialität des Buches

Nach dieser quizar­ti­gen Aufwärm­runde ging es um die Mate­ri­al­ität des Buch­es. Mir war wichtig, zu ver­mit­teln, daß ein Buch nicht nur eine Inhalts­seite, son­dern auch  eine Form­seite hat, die den Inhalt trans­portiert. Diese hat erhe­blichen Ein­fluß auf den Gesamtein­druck, den ein Buch erweckt, wenn auch die hap­tis­chen und for­malen Eigen­schaften eines Buch­es meist nur unbe­wußt wahrgenom­men wer­den.
“Wie ist ein Buch beschaf­fen? Ist es fadenge­heftet oder gek­lebt? Welch­es Ein­band­ma­te­r­i­al wurde ver­wen­det? Welchen Ein­fluß haben For­mat und Typogra­phie auf das Leseer­leb­nis?” Um solchen Fra­gen nicht nur intellek­tuell, son­dern auch begreifen­d­er­maßen nachzuge­hen, brachte ich eine Rei­he ver­schieden­er Büch­er zum Anse­hen und Anfassen mit. Bemerkenswert war, daß der Exot unter den mit­ge­bracht­en Ansicht­sex­em­plaren, ein led­erge­bun­den­er Philoso­phieband aus dem Jahr 1750*, für die größte Aufmerk­samkeit sorgte. Ein zwei­hun­dert­siebzig Jahre altes Buch, robust und kom­pakt, das von klar­er Ele­ganz und Form­schön­heit, und auch, was Papierqual­ität, Druck- und Satz­bild anbe­langt, beein­druck­end ist. Wäre ich Schüler gewe­sen, ich hätte wohl auch dazu gegrif­f­en.
Die Wogen all­ge­meinen Inter­ess­es gin­gen zu mein­er Über­raschung noch ein­mal hoch, als ich beiläu­fig und absicht­s­los das Wort “Pre­mi­umpa­pi­er” fall­en ließ, das ich für die dritte Auflage des Taschen­buchs der Prü­fungskunde ver­wen­det hat­te. Schon beze­ich­nend — und auch etwas trau­rig — was für eine Kraft gewisse Wer­be­wörter entwick­eln.

(Ein­schub: Daß das Wort “Buch” ety­mol­o­gisch mit der Buche zusam­men­hängt, ist laut Wikipedia umstrit­ten, aber alle­mal eine Über­schrift wert.)

Spekulierer oder doch lieber Genialer Anwender?

Da ich freilich auch meine eige­nen Büch­er in pet­to hat­te, und das The­ma Prü­fun­gen Schü­lerIn­nen naturgemäß inter­essiert, war der Rest der Stunde für sie reserviert. Beson­ders span­nend für die ange­hen­den Mat­u­ran­ten war die Selb­stein­schätzung, welch­er der in der Prü­fungskunde beschriebe­nen Typen von Prüflin­gen man entspreche. Wieder­erken­nungswert garantiert. “Gibt es unter euch eine Verkauf­skanone?” nach erstem ver­hal­te­nen Schweigen all­ge­meines Schmun­zeln, dann geht eine Hand hoch und auch andere rufen schon: “Die Cor­nelia!”. Nicht gle­ich einig wurde man sich allerd­ings bei der Frage, ob der eigene Lehrer eher als unnachgiebiger Intel­li­gen­ztester, unberechen­bar­er Selb­st­prüfer oder als wohlwol­len­der Geburtshelfer einzustufen sei. Das Pen­del schlug let­z­tendlich doch, wären sie Spielka­rten­fig­uren, auf den Trumpf der Prüfer, der jed­er sein will, den Geburtshelfer aus.

Gruppenfoto-Deutschklasse

Präg Dir dein Lesezeichen!

Da man jeman­den, der zu ler­nen nicht nur imstande, son­dern auch bere­it ist, nie mit leeren Hän­den daste­hen lassen soll, hat­te ich Geschenke vor­bere­it­et: Für jeden Schüler gab es ein frischge­druck­tes Prü­fungsstress-Leseze­ichen mit Fleck. Der Gag: Wer einen Fleck geschenkt bekommt, braucht ihn nicht mehr zu schreiben. Das Leseze­ichen kon­nte, wer wollte, mit der K‑Handprägemaschine noch vere­del­nder­weise prä­gen.

 

Lesezeichen-Flecj

 

Live-Lesung im Klassenzimmer

Den Abschluß bildete eine Lesung aus­gewählter Kapi­tel. Oder sollte es zumin­d­est. Denn in der ersten Ein­heit war die Schul­stunde  was jed­er Lehrer ken­nt, wenn man “Stoff durchzubrin­gen” hat beträchtlich kürz­er als gedacht. In den darauf­fol­gen­den Ein­heit­en kon­nten die bil­dung­shun­gri­gen Schüler aber doch mich Lesung­shap­pen á la “Spekulier­er” und “Verdeck­ter The­men­wech­sel” verköstigt wer­den.
Es ist für mich immer etwas Beson­deres, aus dem Buch meines Vaters vorzule­sen, und es war schön zu erleben, daß es auch bei jun­gen Hör­ern auf Res­o­nanz stößt. Ich war nicht sich­er, ob die Sprache eines Uni­ver­sität­spro­fes­sors, der fließend Latein sprach, zu weit ent­fer­nt vom Sozi­olekt Jugendlich­er ist, und über­haupt was ich mich vor jed­er Lesung frage — ob ich meine Hör­er erre­ichen werde. Ersteres hat sich zum Glück nicht bestätigt. Es ist eine Irrmei­n­ung, daß “gehobene”  oder “niveau­volle” Sprache (die Anführungsze­ichen deshalb, weil es nicht um Selb­st­be­weihräucherung geht, son­dern um die Artiku­la­tion von Zuschrei­bun­gen, die nun ein­fach mal, ob zutr­e­f­fend oder nicht, gemacht wer­den) für junge Men­schen unver­ständlich oder antiquiert sei; — es muß ja nicht immer gle­ich die Frank­furter Schule oder exper­i­mentelle Lyrik sein (aber warum eigentlich auch nicht?).
Dann auch die Frage: Die per­sön­liche Geschichte des ver­ma­cht­en Manuskripts des ver­stor­be­nen Vaters ist das zu intim, zu per­sön­lich, kann man das jun­gen Men­schen zumuten? Ja, man kann, wenn man es fein­füh­lig macht und es ist ein Fehler, junge Men­schen nicht ern­stzunehmen, indem man ihnen nicht zutraut, etwas Ern­sthaftes ern­st­nehmen zu kön­nen.

Ich habe den Ver­lag vor einem Jahr gegrün­det. Ein Jahr später durfte ich das, was ich mache, drei Schulk­lassen vorstellen und erzählen, wie ich dazu gekom­men bin. Ich bin zwar kein “alter Hase” und kon­nte nur das ver­mit­teln, was ich bish­er selb­st gel­ernt und an Erfahrung gesam­melt hat­te, doch war es toll, anderen von meinem Weg zu erzählen, und vielle­icht auch ermuti­gen zu kön­nen, den Ihri­gen zu gehen.

 

Danke an das Alte Gym­na­si­um Leoben (im beson­deren Frau Nina Pon­gratz und Her­rn Adolf Schagl; bei­de, nach allen absolvierten Prü­fun­gen, mit dem Vor­ti­tel: Mag. ) für die fre­undliche Auf­nahme und den Schülern viel Erfolg bei allen kom­menden Prü­fun­gen!

*“Log­i­ca et Meta­phys­i­ca” von Jose­phus Zachi

Mehr zum The­ma Buch im all­ge­meinen:

Wirtschaft­szahlen des Börsen­vere­in des deutschen Buch­han­dels

Wikipedia: “Buch” — Brauch­bar­er Ein­trag der Wikipedia über das Medi­um Buch

Reko­rde — Reko­rde rund um’s The­ma Buch

 

Mehr zur Prü­fungskunde:

Infor­ma­tion­s­seite — Nähere Infor­ma­tio­nen zum Buch, Klap­pen­text, Vorschaubilder und Kurz­por­trait des Autors

Leseprobe — im .pdf-For­mat; für alle Plat­tfor­men (PC, Tablet, Smart­phone) und zum Aus­druck­en

Bestellen — Zur Bestell­seite des Ver­lag Klin­gen­berg