Was versteht man in Russland unter »Entnazifizierung«?

Rede zur Eröffnung der Ukrainischen Fotoausstellung

MUT – Momente unter Trümmern
Graz‐​Landhaushof,  09.05.2022

* * *

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde!
Шановні пані та панове, дорогі друзі!

I

Heute ist der 9. Mai: besonders in Russland, meiner Erinnerung nach, normalerweise die schönste Zeit des Jahres. Der langersehnte, dann leider nur sehr kurz währende Frühling bricht urplötzlich herein – im April hat es oft noch geschneit –, die Tage werden lang, die Nächte kurz, die Datschen erwachen aus dem Winterschlaf, fast schon Ferienstimmung, in zwei‐​drei Wochen ist das Schuljahr vorbei.

Der 9. Mai ist in Russland wie Weihnachten und Ostern, wie Nationalfeiertag und Frühlingsfest in einem – kurz gesagt der Feiertag schlechthin, der „Tag des Sieges über das nazistische Deutschland“. Mit diesem Feiertag identifiziert sich das ganze Land, mehr als mit jedem anderen. Der Sieg über den „Nazismus“ – das einigende Band der Nation. Naheliegend, dass es von den Machthabern über die Jahrzehnte hin immer stärker missbraucht wurde und missbraucht wird. Heute heißt es nicht „Nie wieder!“, sondern „Wenn nötig, jederzeit wieder!“ 

Schon 2005 stellte Lew Gudkow fest, dass dieser Tag in erster Linie die Funktion hat, die Machtverhältnisse zu legitimieren, ja, zu „sakralisieren“. Die Erinnerung an den Krieg habe die Funktion, die Armee als tragendes Konstrukt der postsowjetischen Gesellschaft zu „sakralisieren“, genauso wie das Prinzip der „vertikalen“, hierarchischen Verfasstheit der russischen Gesellschaft, und genauso wie eine Ordnung, die auf Befehl und Mobilisierung von oben beruht und die „Autonomie, den Eigenwert des Individuums“ nicht anerkennt. „Die Erinnerung an den Krieg“, schreibt Gudkow damals (heute könnte er das in Russland nicht mehr publizieren), „ist in erster Linie erforderlich zur Legitimierung der repressiven sozialen Ordnung … Der Krieg“, so weiter, „lebt weiter in Form eines immer wieder rückfällig werdenden aggressiven Staates“. Gudkow meinte damals vor allem die Kriege in Tschetschenien.

II

Seit der Kriegserklärung Putins an die Ukraine vom 24. Februar 2022 dient die Erinnerung an den Sieg der Legitimierung des Schreckens, der über die Menschen in der Ukraine bzw. – nach russischer Lesart, nach der es kein „ukrainisches“ Volk gibt, über das eigene Volk gebracht wurde und jeden Tag neu gebracht wird. Ich zitiere Putin am 24.02.: „Ihr Ziel [das der ‚Spezialoperation‘] ist der Schutz der Menschen, die seit 8 Jahren vom Kiewer Regime Misshandlungen und einem Völkermord unterzogen werden. Dazu werden wir die Ukraine entmilitarisieren und entnazifizieren“. Die ukrainischen Armeeangehörigen ruft Putin dazu auf, „die Waffen zu strecken und nach Hause zu gehen“, indem er sich auf deren gegen die Nazis kämpfenden „Väter, Großväter und Urgroßväter“ beruft.

III

Was man nun in Russland HEUTE unter „Nazismus“, was Putin unter  „Entnazifizierung“ versteht – und damit bin ich beim Kern der Sache – finden wir in einem langen Artikel, der auf der Seite der russischen Nachrichtenagentur RIA am 03. April 2022 veröffentlicht wurde: „Was soll Russland mit der Ukraine tun?“ Der Autor geht von der Feststellung aus, dass die Mehrheit der Bevölkerung sich vom Kiewer Naziregime mitziehen ließ und daher die Formel „das Volk ist gut – nur die Regierung schlecht“ sich auf die Ukraine nicht anwenden lässt. Es, das ukrainische Volk, habe sich dem „totalen Terror“ – wieder ein auf die Nazis anspielendes Vokabel – nicht entgegengestellt, den das Kiewer Regime in Städten wie Odessa, Charkiv und Mariupol (!!!) ausgeübt habe. Die „Entnazifizierung“ ist also – ich zitiere – „ein Komplex von Maßnahmen gegenüber der Masse der Bevölkerung, die aufgrund ihrer großen Zahl technisch nicht direkt als Kriegsverbrecher bestraft werden kann.“ – Der Krieg ist also eine Maßnahme zur Bestrafung eines ganzen Volks! 

Ein paar Zeilen weiter heißt es: 

„Schuld ist, neben der Führungsschicht, auch ein wesentlicher Teil der Volksmassen, als passive Nazis und Helfershelfer des Nazismus. … Eine gerechte Strafe für diesen Teil der Bevölkerung ist nur möglich, indem er die unvermeidlichen Härten des gerechten Kriegs gegen das nazistische System trägt.“ 

Später würde die Entnazifizierung noch durch „Umerziehung, Repressionen und rigorose Zensur“ weitergeführt werden, und zwar nicht nur „in der politischen Sphäre, sondern unbedingt auch in der Sphäre von Kultur und Bildung“. Im Klartext: ein Verbot der ukrainischen Sprache und Kultur, umso mehr, als später darauf verwiesen wird, dass die „Bezeichnung ‚Ukraine‘ für ein entnazifiziertes staatliches Gebilde klarerweise nicht beibehalten werden kann.“  Entnazifizierung bedeutet also Auslöschung der Ukrainer, Auslöschung der Ukraine!

Da die Nazifizierung mehr als 30 Jahre gedauert habe, werde die Entnazifizierung mindestens ebenso lange dauern, bis nämlich eine neue Generation geboren, herangewachsen und das reife Alter erreicht haben werde! Die „Besonderheit“ des ukrainischen Nazismus aber – hier wird der Klartext noch klarer – sei sein „amorpher“ Charakter, der es ermöglicht, ihn als „Streben nach ‚Unabhängigkeit‘ und einem ‚europäischen‘ (westlichen, proamerikanischen) Entwicklungsweg (in Wirklichkeit einem Streben nach Degradation) zu tarnen.“

„Nazismus“ bedeutet also nicht Diktatur, totale Kontrolle und militärische Aggression (da wäre ja Russland nazistisch), sondern – „das Streben nach Unabhängigkeit und einem europäischen Entwicklungsweg“!

Wir fassen zusammen: „Nazismus“ ist erstens das Streben der Ukraine nach Eigenständigkeit und Unabhängigkeit an sich, und zweitens der Wille, ein Teil Europas zu sein!

Wer nun glaubt, diese neue, „amorphe“ Version des Nazismus, sei eine „Lightversion“ (der Autor verwendet das Wort Lightversion), der irrt. „Der Ukronazismus bedeutet keine geringere, sondern eine GRÖSSERE Gefahr für die Welt und für Russland, als der deutsche Nazismus Hitlerscher Prägung.“ Sic!!!

Kompromisse sind, so der Autor, nicht möglich, etwa nach der „Formel ‚Nato – nein, EU – ja“, denn es ist der „kollektive Westen, der zugleich Planer, Quelle und Sponsor des ukrainischen Nazismus ist.“

In der Mitte des Artikels kommt dann ein Absatz, den ich mir erlaube, vollständig zu zitieren, weil er zentral auch in seiner Aussage ist:

„Wie die Geschichte zeigt, ist, im Unterschied etwa zu Georgien oder den baltischen Staaten, die Ukraine als Nationalstaat unmöglich, und jeglicher Versuch, einen solchen ukrainischen Staat zu ‚errichten‘, führt mit unweigerlicher Gesetzmäßigkeit zum Nazismus. Jeder Ukrainismus ist ein künstliches antirussisches Konstrukt, ohne eigenen zivilisatorischen Gehalt, ein unterworfenes Element in einer fremden und fremdartigen Zivilisation. Entbanderisierung genügt nicht zur Entnazifizierung – das Bandera‐​Element ist nur ein Ausführender und eine Tarnung des europäischen Projekts einer nazistischen Ukraine, und deswegen besteht die Entnazifizierung der Ukraine auch in ihrer unvermeidlichen Enteuropäisierung.“ [!!!]

Es gäbe noch vieles zu zitieren aus diesem Text, der auch einen Katalog konkreter Maßnahmen enthält, wie mit den Ukrainern zu verfahren sein wird und der diese „Anleitung zum Völkermord“ (Timothy Snyder) bis ins Detail ausmalt.

Gegen Ende heißt es hellsichtig, dass Russland bei dieser Mission zur Rettung der Welt vor dem Nazismus keine Verbündeten haben werde, die Arbeit ganz allein verrichten werde müssen, und zwar unter anderem deswegen, weil „nicht nur die Bandera‐​Version einer nazistischen Ukraine ausgerottet wird, sondern vor allem auch der westliche Totalitarismus, die aufgezwungenen Programme zivilisatorischen Verfalls und zivilisatorischen Zerfalls, die Mechanismen der Unterordnung unter die Hyperherrschaft des Westens und der USA.“

IV

So viel zum Thema, wie und was Russland meint, wenn es von Nazis und Nazismus spricht.

So viel auch zum Thema, ob das auch Europas Krieg ist, ob das auch Österreichs Krieg ist. Der Krieg – er wurde uns bereits erklärt!

Angesichts dessen beobachte ich erstaunt, was hierzulande bisweilen an Diskussionsbeiträgen zu hören und zu lesen ist.  Haben uns Wohlstand, Mangel an historischer Erfahrung (für welchen Mangel wir ja ansonsten eigentlich dankbar sein müssen) und nicht zuletzt unser Bildungswesen, das lehrt, oberflächliche Antworten zu geben, statt nachzudenken und Fragen zu stellen, zu all dem geführt? Nämlich dazu, dass wir überall nur psychologische Probleme sehen? Vom Bundeskanzler angefangen, der – sofern er bei seiner Moskaureise nicht ausschließlich dem zynischen Kalkül seines PR‐​Beraters gefolgt ist – möglicherweise tatsächlich geglaubt hat, er kann Putin mit den richtigen Worten zum Erschrecken über die eigenen Untaten bringen, bis hin zu den sicherlich sehr sympathischen Leserbriefschreibern, die meinen, ein bisserl Nachgeben, ein bisserl Nettsein mit und Rücksichtnahme auf die Russen könnten alles wieder ins Lot bringen – Hauptsache: nicht aggressiv sein und sich nicht wehren! Dabei vergessen sie, dass diese Möglichkeit, ihre netten Gedanken in der Zeitung gedruckt zu sehen, auf Voraussetzungen beruht, die hart und keinesfalls „nett“ sind und die in eine Geschichte auch der Gewalt eingeschrieben sind: von der Gewalt, die notwendig war, um den tatsächlichen Nationalsozialismus zu überwinden, bis zu den nicht gewaltfreien internationalen Wirtschaftsbeziehungen, die uns einen Wohlstand gewährleisten, der uns Muße zum Schreiben von Leserbriefen lässt.

Ja, ich denke auch, dass Europa versuchen muss, in der Politik nach Möglichkeit rational zu bleiben, d.h. bei jedem Schritt alle möglichen Konsequenzen mitzudenken. Aber das kann nicht heißen, den Kopf in den Sand zu stecken und mit wohlfühlpazifistischen Parolen in erster Linie sich selbst zu belügen. Statt im Einzelnen darauf einzugehen, möchte ich nur ein paar Fragen stellen:

Wie kommt es, dass viele in unserer Gesellschaft, die auf Schritt und Tritt Gewalt wittern (und sei es in einem abschätzigen oder anzüglichen Blick), dort, wo Millionen Menschen tatsächlich tödlicher Gewalt durch Bomben, Granaten und Maschinengewehre ausgesetzt sind, empfehlen, doch besser bald einmal zu kapitulieren?

Wie kommt es, dass viele zu Recht sehr sensibel auf jeden Vergewaltigungsvorwurf reagieren, den vor aller Augen tausendfach Vergewaltigten aber empfehlen, sich doch nicht so zu haben und besser nachzudenken, ob sie nicht doch irgendeinen Anlass für die Vergewaltigung geboten haben?

Wie kommt es, dass wir „Nachgeborene“ unseren Elterngenerationen in Österreich und Deutschland bis heute vorwerfen, unter Hitler, wenn nicht Täter, so fast ausnahmslos Mitläufer gewesen zu sein – und vertreten doch in der heutigen Situation Mitläufertum, Ignorieren und Appeasement als beste Lösung? 

Wie kommt es, dass wir diesen Elterngenerationen vorwerfen, sie hätten sich von den – unzweifelhaft realen – wirtschaftlichen Erfolgen Hitlers ködern lassen? Und scheuen uns dabei selbst, aus wirtschaftlichen Gründen die effektivste Form der Unterstützung zu leisten, nämlich die großzügige Finanzierung des Aggressors rasant zu stoppen? Ist hier die Sorge um wirtschaftliche Nachteile nun legitim (obwohl es uns viel besser geht, als den Millionen Arbeitslosen der Dreißigerjahre, auf die wir wegen ihrer Begeisterung für Hitler moralisch herabsehen)?

Warum behaupten wir, Freiheit und Demokratie seien unsere höchsten Güter, haben aber vergessen, dass Freiheit und Demokratie erst dann gerettet werden konnten, als man Unfreiheit und Diktatur nicht mit Worten, sondern mit Taten zu hindern begann, weiter und weiter zu triumphieren?

Ich könnte die Liste fortsetzen, gebe aber zu, dass ich auch keine abschließenden Antworten auf all die Fragen habe. Ich wünsche mir nur mehr Tiefenschärfe, mehr historisches Bewusstsein jenseits phrasenhafter Gedenkrituale und mehr Mut zu Schritten, die klar machen, dass uns Freiheit und Demokratie tatsächlich so viel bedeuten, wie wir behaupten, auch wenn es eine Zumutung ist.

V

Шановні друзі!

Наостанку декілька особистих слів. С першими українцями у своєму житті я познайомився у 1980‑х роках. На той час Україна, у межах досить ізольованого від світу Радянського Союзу, була особливо ізольованим регіоном. Ті кілька людей, яких я зустрів тоді, були ще більш «екзотичними», ніж ті, кого я міг зустріти у столиці Імперії. Згодом, у перші роки незалежності, я мав можливість кілька років попрацювати в Києві, спостерігаючи, як поступово, не без труднощів, розвивалися українська держава, її політичні інститути і взагалі українське суспільство. Але, ніколи б не подумав, що колись Україна буде такою присутньою тут, у місті Граці. Те, що причиною цього стала неймовірна трагедія, звичайно, не радість, але катастрофа. Я лише хочу сказати одне: сподіваюся, що ми – українці, з одного боку, і жителі Європи – з іншого – за цей час так добре пізнаємо один одного, що життя одне без одного здається немислимим у майбутньому. Ми тут дуже мало знаємо про Україну. Сподіваюся, що це швидко зміниться. Ми можемо багато чому навчитися у вас, насамперед сили духу, щоб захищати нашу и вашу свободу. В майбутньому, сподіваюся, будемо жити разом у справді мирній Європі.

VI

И в самый, самый конец, два слова к российским, к русским друзьям. Часто в эти дни можно слышать призывы к бойкоту всего русского, вплоть до бойкота русской музыки и русской литературы. Студенты русистики боятся, что не с кем будет общаться. Мне кажется, что здесь нужно четко различить, имеем мы дело с человеком, структурой, организацией, олицетворяющей или представляющей российское государство, или с индивидуумом. В первом случае, я считаю, что необходим жесткий бойкот, во втором случае, каждый индивид имеет право, чтобы к нему относились как к индивиду. А что касается искусства: именно оно учит не доверять лозунгам, ставить частное выше коллективного и идеологического. Об этом и говорил Иосиф Бродский в своей Нобелевской речи, даже если тот же Бродский написал одно из самых постыдных текстов, свидетельствующих о русском культурном империализме. Т.е. Бродский сам дает нам ключ, чтобы разоблачить его же идеологическую речь. И поэтому, мы никогда не должны бороться с литературой или искусством, а только с имперским мышлением, с культурным и политическим империализмом и, тем более, с захватнической войной во имя имперской идеологии, которой места нет в XXI веке! Спасибо!

Harald Fleischmann

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