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Fünf Jahre Verlag Klingenberg

Ein Interview mit dem Verleger Paul Klingenberg.

Anlässlich des fünfjährigen Bestehens gibt Paul Klingenberg Einblicke, wie es zur Gründung des eigenen Verlags kam, spricht über seine Arbeitsweise, die verschiedenen realisierten Projekte und darüber, was vom Verlag zukünftig zu erwarten ist.

Paul, wir haben uns heute getroffen, weil auf den Tag genau vor fünf Jahren der Verlag Klingenberg gegründet wurde. Vielleicht kannst Du kurz erzählen, was an diesem Tag erfolgt ist?

Ja, eigentlich war dieser Gründungstag recht unspektakulär, nämlich bin ich da zur Wirtschaftskammer gegangen und habe den Verlag offiziell als Unternehmen eintragen lassen. Es hat aber natürlich schon auch eine inhaltliche Seite, nämlich die, dass ich in dieser Zeit den Entschluss gefasst habe, das Buch meines Vaters zu publizieren und das eben offiziell machen zu wollen, in einem möglichst guten und seriösen Verlag. Und das Buch ist dann auch schon wenige Tage danach erschienen und ich habe es an verschiedene Buchhandlungen ausgeliefert.

Wann und wie wurde der Entschluss gefällt, das Buch Deines Vaters in einem eigenen Verlag zu veröffentlichen? Es wäre auch eine Möglichkeit gewesen, es bei einem anderen Verlag unterzubringen.

Genau, das habe ich auch versucht. Ich habe das Manuskript am Sterbebett meines Vaters auf der Festplatte seines Laptops entdeckt und ich fand es von Anfang an ziemlich genial, dass mein Vater das geschrieben hat. Ich wusste ja nur von seinen wissenschaftlichen Werken und mit denen war ich ja doch nur schlecht vertraut. Um auf Deine Frage zu kommen: Mein Vater wollte zunächst nichts davon wissen, dass ich das Buch überhaupt veröffentlichen möchte und vor allem aber warnte er mich mit seiner Erfahrung als Autor, das nicht selbst zu tun. Dennoch habe ich dann für ihn ein Exposé erstellt, habe mich erkundigt, wie wollen Verlage so eine Einreichung gestaltet wissen usw. Es gibt da keine verbindlichen Normen, jeder Verlag möchte es ein bisschen anders haben. Es kam dann auch eine Antwort von Vandenhoeck & Ruprecht und mein Vater war sehr gespannt auf diese Antwort. Es war eine Absage, aber man hat gemerkt, an der Art und Weise, wie die Redaktion die Absage formuliert hatte, dass sie es doch gelesen haben und es war eine gewisse Wertschätzung zu spüren in dieser Antwort. Es kam dann noch eine Absage, ich glaube es war von Herder – ich habe es insgesamt an etwa zehn Verlage geschickt –, sonst gab es keine weiteren Reaktionen. In der Zwischenzeit war mein Vater verstorben und ich habe nach seinem Tod noch ungefähr ein halbes Jahr lang abgewartet, ob ich nicht doch noch eine positive Rückmeldung erhalten würde. Da diese dann nicht gekommen ist, habe ich mir gedacht, mein Vater ist aber jetzt noch präsent, mich sprechen immer wieder Leute auf ihn an – viele Studierende kannten ihn noch oder hatten seine Vorlesung an der Uni Graz besucht –, so dass auch jetzt der richtige Zeitpunkt ist, weshalb ich meine Pädagogik‐​Ausbildung in Wien aufgab – ich wollte Volksschullehrer werden – und mich voll auf die Verlagstätigkeit konzentrierte.

»Alles, was veröffentlicht wird,
muss sich auch der Kritik stellen.«

Eine meiner frühen Erinnerungen an Dich ist, ganz am Beginn des Bachelorstudiums, in einer großen Vorlesung, Ethik oder Angewandte Ethik, ein voller Hörsaal und ein sehr präsenter Vortragender, der eine gewisse Autorität verkörpert, würde ich sagen, zumindest wenn man neu an die Universität kommt… Du meldest Dich zu Wort, durchaus mit Einspruch (Paul lacht). Und der Vortragende kennt Dich auch tatsächlich mit Namen. Er erwidert so etwas wie: »Ja, Herr Klingenberg…«, also er weiß eh schon, was jetzt kommt. Mir ist jedenfalls in Erinnerung geblieben, dass Du den Mut gehabt hast, Dich zu melden – ich glaube, es ist nicht nur mir so gegangen damals, dass es schwierig war, sich in so einem Rahmen zu Wort zu melden, vor der versammelten Hörerschaft und dann auch gleichzeitig noch eine Position zu ergreifen, die nicht einfach nur fragt oder übereinstimmt mit dem Vortragenden. Warum ich das jetzt erzähle: Die Frage stellt sich, wie wichtig ist es, wieviel Mut braucht es, einen Verlag zu gründen? Und welche Rolle spielt es, gehört zu werden – weil Du verschaffst ja vor allem anderen Gehör, Du verlegst ja andere Autoren.

Das ist eine schöne Frage, ich möchte aber kurz auf diese Situationen da im Hörsaal eingehen. Weil ich weiß noch, wie mich das geärgert hat und wie ich auch darunter gelitten habe, zu merken, dass eben niemand Einspruch erhebt gegen diesen Professor. Aber das Problem war gar nicht so sehr der Professor selbst. Mich störte, dass so eine stumme Zuhörerschaft da im Hörsaal sitzt und keiner sich traut, etwas zu sagen. Man hat förmlich den Angstschweiß riechen können, oder es war nicht nur Angst, es war so ein bleiernes Schweigen. In das wollte ich mich nicht einfügen. Ob meine Kommentare so gehaltvoll waren, das sei jetzt einmal dahingestellt. Ich würde das heute vielleicht gar nicht mehr so machen. Aber Du wolltest ja eigentlich auf etwas anderes hinaus, nämlich darauf, ob es Mut braucht, einen Verlag zu gründen. Ja, ich denke schon, dass es den braucht, weil man natürlich partizipiert am öffentlichen Leben, weil man eben ver‐​öffentlicht. Alles, was veröffentlicht wird, muss sich ja auch der Kritik stellen. Etwas, das veröffentlicht wird, geht ja heraus aus diesem Bereich des Privaten – und ich finde es ja gut, dass es diese Unterscheidung gibt, auch wenn sie realiter vielleicht gar nicht mehr so besteht, weil mittlerweile ohnehin jeder alles Private auf Social Media und so weiter veröffentlicht, oder es geht dann ein in eine diffuse Form von Öffentlichkeit, die vortäuscht, keine zu sein. Das ist ein Aspekt. Der andere ist, dass man eben auch in den Konkurrenzkampf des Marktes einsteigt. Und gerade im Verlagswesen … ich weiß nicht, ob es andere Branchen gibt, wo die Aussichten so schlecht sind, wirklich ein tragfähiges Unternehmen aufzubauen. Vor allem, wenn man die Bereiche abdeckt im Literaturbetrieb, die ich abdecke, nämlich eben Literatur, Lyrik, wir haben auch ein Kunstbuch gemacht, ein Fachbuch – da sehe ich eher noch Potenziale. Das waren aber ganz am Anfang auch nicht meine Überlegungen. Meine Überlegung war: »Ich möchte dieses Buch von meinem Vater vorwärtsbringen«, und es war ja auch ziemlich erfolgreich. Ich habe im ersten Jahr fast 1.000 Stück verkauft. Und auch bei der ersten Lesung habe ich so viele Bücher verkauft, dass ich mir dachte: Das geht ja! Es war aber glaube ich schon das Glück der Naivetät, nicht zu wissen, dass das ein Ausnahmefall war. Und dass die Regel anders aussieht.

Du hast dann also weitere Publikationen gemacht. Du hast schon erwähnt: Literatur, Lyrik, ein Buch über Kunst. Was hat diese Projekte dann unterschieden von der Prüfungskunde? Sind Dinge gleich geblieben? War jedes Projekt wieder neu?

Ja, ich würde tatsächlich sagen, dass jedes Projekt wieder neu war. Obwohl sich manche Dinge natürlich wiederholen. Es gibt Abläufe, die man kennenlernt und wo sich dann Routinen entwickeln, die man immer besser ausführt. Also, bei den ersten Büchern, die ich selbst gesetzt habe, musste ich mir erst einmal die ganzen Kenntnisse im Buchsatz aneignen und ich war unsicher, ob mir das überhaupt so gelingt, dass zum Schluss ein Produkt dabei herauskommt, das ich anderen zumuten kann. Ich möchte ja niemanden an Schaß verkaufen. (lacht) Aber kommen wir besser auf den inhaltlichen Teil zu sprechen: Das zweite Buch, die Leuchtfeuer im Kupfer der Dämmerung, haben mich  zunächst ziemlich überfordert und ich glaube auch den Autor. Weil wir beide, es gab ja einen Fundus an Texten aus vier Jahrzehnten zu sichten, erst nicht genau wussten, was dabei am Ende rauskommen wird. Und doch ist dann ein sehr gutes und originelles Buch entstanden. Das war für mich ein wichtiger Schritt, weil er Mut erforderte, etwas Unkonventionelles zu veröffentlichen. Genau diese weitere Entwicklung, nämlich dass dann nach der Prüfungskunde von Prof. Dr. Dr. Georg Klingenberg ein Buch erscheint von einem unbekannten Autor, der bislang kaum veröffentlicht hatte und der noch dazu sehr eigenwillig schreibt; das war für mich gar nicht so leicht, damit umzugehen. Das war schon ein schwieriges Projekt, es sind dann aber zwei weitere Bücher daraus hervorgegangen, wo die Zusammenarbeit deutlich einfacher war. Es war auch für mich das erste Mal, mit einem Autor zusammenzuarbeiten und ich war da in mehreren Rollen: Ich war ja auch der Lektor, der unerfahrene Lektor, und ich musste erst lernen, auf was man achten muss und welche Fehler einem dabei unterlaufen können.

»Das ist einer der schönsten, aber zugleich auch ein schwieriger Teil dieser Arbeit, nämlich den anderen Menschen, der hinter dem Text steht, kennenzulernen.«

Ihr kanntet euch davor. Es war wieder – wieder sage ich, obwohl es natürlich oder ziemlich sicher anders war –, aber es war wieder eine Zusammenarbeit auf freundschaftlicher Basis?

Eine sehr freundschaftliche Basis. Was ich da schon auch betonen möchte, ist, dass ich Jim Palmenstein ganz am Anfang über seine Texte kennengelernt habe, die er in einem Internetforum veröffentlicht hatte. … Das war diese Zeit, als ich in der Vorlesung aufgestanden bin und Einspruch erhoben habe … Diese Texte haben mir damals viel bedeutet. Auch manche Gedichte, aber mehr noch die essayistischen Texte. Es war also zunächst eine Brieffreundschaft, wo er eine Zeitlang auch eine orientierende Rolle eingenommen hat. Es war eine persönliche Beziehung, das kann man schon sagen. Das ist eigentlich auch einer der schönsten, aber zugleich auch ein schwieriger Teil dieser Arbeit, nämlich den anderen Menschen, der hinter dem Text steht, kennenzulernen. Literatur ist wohl nie unpersönlich, auch für den Leser nicht, wenn er sich wirklich auf ein Buch einlässt. Ich denke auch, dass Literatur – es muss nicht sein, bei Gott nicht – aber ich glaube, dass literarische Projekte auf jeden Fall gewinnen, wenn eine gute, eine freundschaftliche und gesunde Beziehung zwischen dem Verleger und dem Autor, oder in diesem Fall auch zwischen dem Setzer und dem Autor – das bin ja immer ich in Personalunion –, besteht. Ich habe mich, würde ich sagen, auch immer entwickelt durch die Arbeit mit den Texten. Und überhaupt habe ich durch den Verlag  neue Zugänge zur Kunst gefunden, zur Lyrik zum Beispiel.

Was ist jetzt wichtiger bei der Auswahl eines Manuskripts, schaust Du dann auf den Text, schaust Du: Wer schreibt den Text? Oder beides?

Es wäre unehrlich zu sagen, man schaut nur auf den Text. Aber das sollte man idealerweise tun. Man muss den Text als solchen bewerten. Aber ich habe immer versucht, mich davon zu distanzieren, bloß darauf zu achten, okay, wie bekannt ist jemand oder welche Referenzen hat er. Natürlich merke ich, dass ich das auch tue, aber ich versuche, das zu reflektieren und mich dem nicht zu unterwerfen; also diesem Diktat, welche Marktchancen sich durch den Text ergeben, möchte ich mich nicht unterwerfen. Es war mir schon immer wichtig bei den Publikationen, dass ich die Texte auch deswegen veröffentlichen möchte, weil ich sie gut finde. Aber natürlich spielen viele Dinge eine Rolle. Einen Antisemiten zum Beispiel, der gute Texte schreibt, will ich jetzt trotzdem nicht veröffentlichen, wenn man diese politische Ebene miteinbezieht. Die Beurteilung eines Textes ist immer sehr facettenreich. Man kann es nie genau an einem Bereich festmachen. Also nie am rein Persönlichen, aber auch nicht allein daran, dass man nur den Inhalt bewertet, es ist ein Kräfteparallelogramm. Aber ich denke schon, dass der Vorrang beim Werk selber liegt.

Du bist gerade dabei, Deine Abschlussarbeit im Philosophiestudium zu verfassen und schreibst über die Heidegger‐​Rezeption bei Alexander Dugin. Du hast den Antisemitismus erwähnt. Da spannt sich doch ein sehr großer Bogen: Die erwähnte Veröffentlichung von Jim Palmenstein hat starke Rudolf Steiner‐​Referenzen. Auf den ersten Blick scheint das ja gar nicht zusammenzupassen?

Zu Rudolf Steiner und diesem Gedicht, Was darf man sagen, worüber soll man schweigen?, das er ihm gewidmet hat, möchte ich vielleicht schon sagen, dass diese Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus, der in der Anthroposophie gegeben ist, im esoterischen Bereich und in der alternativen Szene – dass das ein Thema ist, das uns beide von Anfang an zentral und dezidiert beschäftigt hat. Dahingehend kenne ich seine Positionen und die Erwähnung von Rudolf Steiner ist vor diesem Hintergrund zu sehen. Jims Leuchtfeuer sind auch kein anthroposophisches Buch und er war einer derjenigen, die mich sehr unterstützt haben bei meiner Bachelorarbeit, die sehr kritisch gegenüber dem Antisemitismus bei Martin Heidegger ist.

Wird man dann in Zukunft auch etwas von Dir Geschriebenes lesen im Verlag?

Ich bin jetzt einmal gespannt, welche Rückmeldung ich bekomme auf diesen Entwurf meiner Masterarbeit, und ob darin vielleicht Passagen oder Gedanken enthalten sind, die es wert wären, veröffentlicht zu werden. Im nächsten Schritt muss ich überlegen, reich’ ich das bei einem anderen Verlag ein oder publiziere ich das selber, wobei das natürlich in einer gewissen Weise problematisch ist, weil da dann möglicherweise Objektivität fehlt oder weil es so wirken könnte. Andererseits, wenn der Text gut genug ist, wäre es vielleicht auch ein Ausweis, dass der Verleger selbst auch schreiben kann und es würde mein Profil stärken.  Aber das ist noch ganz offen. Was ich schon merke – und das ist ein gewisser Zwiespalt, in dem ich auch manchmal stecke –, ist, dass die organisatorische Arbeit im Verlag, auch die Buchhaltung, die Pflege und Wartung der Website, Plugin‐​Aktualisierungen oder wenn mit dem Caching‐​Plugin wieder irgendetwas nicht funktioniert, was einen in den Wahnsinn treibt, dass mich das auch davon abhält, zu schreiben und meine eigene Produktivität verhindert. Also, ich würde gerne mehr schreiben und verhindere das in gewisser Weise auch selber.

Paul Klingenberg, Johannes Fiebich

Du hast jetzt schon beschrieben, wie viele oder alle Tätigkeiten Du eigentlich am Anfang selbst gemacht hast. Aber es ist ja mittlerweile auch so, dass das Team im Verlag größer geworden ist. Laura Schuler unterstützt Dich jetzt, vor allem beim Lektorat, aber auch in anderen Bereichen?

Ja, in allen anderen Bereichen. (lacht) Laura ist eine sehr wichtige Ansprechpartnerin, natürlich – sie ist ja auch meine Freundin. Und alleine, dass sie da ist, ist die größte Unterstützung. Aber darüber hinaus schätze ich ihr Urteil. Sowohl ihr ästhetisches Urteil, aber auch wenn es um die Sprache geht. Sie lektoriert gerade einen sehr wichtigen Text, der hoffentlich bald erscheinen kann, und ich finde, sie macht das großartig. Sie ist dabei, wenn wir auf Messen fahren, wenn wir mit den Autoren sprechen oder uns mit ihnen treffen. Ich wüsste auch nicht, ob ich es so, wie ich es in den ersten dreieinhalb Jahren gemacht habe, viel länger hätte weiterführen können. Also vielleicht wäre mir auch irgendwann die Luft ausgegangen und ich hätte gesagt: »Ich kann nicht mehr.« Und insofern bin ich wahnsinnig froh, dass sie da ist. Eine weitere Überlegung von mir ist: »Wie kann es gelingen, den Verlag so weiterzuführen, dass er für alle, die daran mitwirken, auch monetär was abwirft. Also, ist es vielleicht einmal möglich, Mitarbeiter zu beschäftigen und dass diese ein Auskommen haben damit?« Das möglichst in einem Betriebsklima, das alle gut finden, so, dass jeder gerne dabei ist – es soll ja Freude machen.

Du hast das Buch jetzt kurz erwähnt, an dem ihr, Du und Laura, arbeitet. Es ist wieder etwas Neues, nämlich eine deutschsprachige Erstübersetzung von einem auf Kurdisch geschriebenen Roman.

Es ist die erste Übersetzung von Sherzad Hassan, der in Kurdistan einer der bekanntesten Autoren, wenn nicht sogar der namhafteste Autor ist. Ja, es ist auf jeden Fall etwas Neues, aber auch nicht ganz. Was sich darin widerspiegelt, ist die internationale Ausrichtung des Verlags. Ich habe von David Newby ein Buch in englischer Sprache veröffentlicht, das die britische Kultur auf sehr feinsinnige Weise schildert. In dem zweisprachigen Gedichtband von Francisco Cienfuegos, hat der Autor seine eigenen Gedichte aus dem Spanischen ins Deutsche übertragen. Mir ist die Vielfalt der Sprachen wichtig, mir ist die Internationalität wichtig. Und bei Sherzad Hassan kommt noch hinzu, dass er als kurdischer Autor aus einer Region stammt, – oder man muss hier eigentlich von einem Volk sprechen, auch wenn ich den Volksbegriff irgendwie immer fragwürdig finde – das im öffentlichen Bewusstsein stark verdrängt wird. Und die politische Dimension ist hier viel stärker gegeben, die bei den anderen Büchern natürlich nicht so vordergründig ist. Gegen den Autor wurde eine Fatwa ausgerufen. Er lebt ständig in Gefahr, ist eigentlich immer in Bewegung, damit man nicht weiß, wo er sich gerade aufhält. Und das ist natürlich schon auch etwas Neuartiges, aber auch da habe ich nicht von vornherein gesagt, ja, ich finde das super, weil er so ein bekannter Autor ist, sondern ich war von dem Manuskript sehr beeindruckt. Das war schon ausschlaggebend. Ja, es gibt einige neue Aspekte, aber insofern fügt sich dieses Buch gut ins Programm ein.

»… das kommt vielleicht auch einfach daher, dass ich mich selber nicht langweilen möchte und immer gern etwas Neues ausprobiere.«

Du hast die Vielfalt der Sprachen erwähnt und die Internationalität, die Dir wichtig ist. Du arbeitest auch mit oder in verschiedenen Genres, es gibt eine eigene Audioreihe, und das neueste Buch von Michael Kanofsky ist erschienen mit QR‐​Codes im Buch, die dann direkt auf die Audiodateien verlinken.

Das Experimentelle ist mir auch wichtig. Oder ich würde sagen, auch das Originelle. Diese Verknüpfung von QR‐​Codes mit einem Buch und Hörtexten habe ich so noch nirgendwo vorgefunden und es war tatsächlich auch meine Idee, das so zu machen. Natürlich auf den Vorschlag von Michael Kanofsky hin, dass wir mit Robert Reinagl zusammenarbeiten können. Aber es ist was Neuartiges und das kommt vielleicht auch einfach daher, dass ich mich selber nicht langweilen möchte und immer gern etwas Neues ausprobiere. Es ist vielleicht auch ein gewisser künstlerischer Anspruch, wenn auch ein bescheidener, den man jetzt auch nicht überstrapazieren sollte. Auch die Audioreihe hat sich dadurch ergeben, dass ich die großartige Möglichkeit habe, die die Hörbücher, die im Verlag erschienen sind, und von denen hoffentlich bald noch mehr erscheinen werden, auf Streaming‐​Portalen zur Verfügung zu stellen.

Die Experimentierfreude und der künstlerische Anspruch, oder Ansatz, passen ganz gut dazu: Du hast letztes Jahr im Rahmen des Steirischen Herbst – wie soll man das nennen? –, es war ein Video zu sehen, in dem Du mit dem Künstler Lars Cuzner…

Jesus.

Lars Jesus Cuzner, wie er selbst sich nennt – wo Du mit ihm über die Möglichkeit sprichst, ein von ihm verfasstes Selbsthilfebuch, das aber nicht hilft, zu veröffentlichen. Wird das erscheinen?

Ich habe keine Ahnung. Noch hat er mir nichts geschickt. Ich glaube auch nicht, dass es erscheinen wird. Das hat wohl alles zu dieser Kunstaktion dazugehört. Es gibt wahrscheinlich gar kein Manuskript. Oder es gibt vielleicht eines und er wird das jetzt aber nicht weiter verfolgen. Es hängt ja auch an vielen Bedingungen. Er wollte ja alles schon vorfinanziert haben, für eine Auflage von 2.000 Stück. Und wahrscheinlich haben ihm alle nur im Rahmen der Fingiertheit des Kunstprojekts Zusagen gemacht. Aber falls er mit dem Manuskript an mich herantritt und diese Förderungen gegeben sind, dann habe ich auch nichts dagegen, das herauszubringen. Und mir ist eigentlich egal, was drinstehen wird (lacht), wobei ich mich erst ernsthaft mit der Frage beschäftigen würde, wenn es so weit kommen sollte.

Er hat ja keinen Hehl daraus gemacht, dass es ihm nur darum geht, sich zu finanzieren. Einerseits über diese Kunstaktion, für die er schon bezahlt wird, und dann in weiterer Folge – wobei man nie weiß, ob das ernst gemeint ist –, über dieses Buch. Das heißt, er berührt genau die von Dir jetzt auch schon erwähnten Fragen danach:  Was lässt sich verkaufen? Was muss man tun, um zu verkaufen? Aber es stellt sich die Frage, hat er jetzt seinen Kunstaufenthalt in Graz finanziert? Oder berührt er damit auch wirklich Fragen, die darüber hinausgehen?

Ich denke schon. Also ich denke, dass die Kunstaktion schon gelungen ist, um auf manche Widersprüche innerhalb des Kulturbetriebs hinzuweisen. Und das Interessante ist ja, dass er das so macht, dass die Leute, die er damit eigentlich anspricht, dass er die dazu gebracht hat, das auch noch zu feiern. Damit meine ich natürlich jetzt nicht mich, aber (lacht) ich denke schon, dass er damit auch eines gezeigt hat. Dass nämlich auch er sich selber zur Ware gemacht hat und dadurch auch seine Kritik wiederum zur Ware gemacht hat, die dann dadurch wieder neutralisiert worden ist. Das könnte man daran kritisieren. Na ja, ich glaube, letztendlich hat er damit unterhalten, und als das wird es in Erinnerung bleiben: Lustig, gute Aktion, aber die Kritik ist wahrscheinlich nicht bleibend – wenn sie überhaupt als solche wahrgenommen wurde. Interessanterweise bist Du jetzt der erste, der mir überhaupt einmal eine Frage zu dieser ganzen Sache stellt. Es gab null Rückmeldungen, gar nichts.

»Wir sind jetzt bei ein bis zwei Titeln pro Jahr und mein Ziel wäre es, mindestens drei bis fünf im Jahr herauszubringen.«

Wie wird sich der Verlag weiterentwickeln? Ein paar Dinge hast Du schon erwähnt. Aber wo siehst Du den Verlag vielleicht auch in den nächsten fünf Jahren?

Gute Frage. In den nächsten fünf Jahren … denke ich, dass der Verlag auf jeden Fall mehr Bücher publizieren wird. Also wir sind jetzt bei ein bis zwei Titeln pro Jahr und mein Ziel wäre es, mindestens drei bis fünf im Jahr herauszubringen. Es wird mehr Übersetzungen geben, es wird eine Lyrik‐​Reihe geben, höchstwahrscheinlich, also da bin ich gerade am Vorbereiten. Eine weitere Frage ist, wie sich die wissenschaftliche Reihe weiterentwickeln wird. Das  Buch, an dem wir, Du und ich, gemeinsam gearbeitet haben, Niki Passath, das hat ja auch eine wissenschaftliche Einleitung, eine kunsthistorische Betrachtung. … Und ich wünsche mir mehr Resonanz. Also, dass die Bücher in der Presse mehr besprochen werden. Und natürlich soll der Absatz größer werden. Ich fände es schön, wenn es ab und zu ein Interview wie dieses gäbe, und wenn man vielleicht noch mehr über Texte sprechen kann, über Inhalte, über die Literatur, vielleicht auch über die Autoren.

Ja, wir haben wenig über die Inhalte geredet. Dafür hast Du dann vielleicht doch schon zu viele Bücher herausgebracht, um das in einer Stunde unterzubringen.

Ich frage mich oft, wie viel wird denn wirklich gelesen von den Büchern? Das betrifft aber nicht nur die eigenen. Worauf ich hinaus will: Wenn man veröffentlicht und  wenn man schreibt – dann wünscht man sich  eine in irgendeiner Weise fundierte Rückmeldung. Natürlich interessiert es mich sehr,  wie ein Buch wirklich ankommt. Wie wirkt es, oder wie empfängt es der Leser? Dadurch, dass ich so stark in den Entstehungsprozess involviert bin, will ich das vielleicht auch viel eher wissen, als der Verleger vom Stangenwaren Verlag, der im Jahr hundert oder, ich weiß nicht, dreihundert Krimis herausbringt, die alle ungefähr dasselbe Strickmuster haben. Wo du eh im Vorhinein schon genau weißt, was du kriegst.

Das weiß man also bei Dir oder beim Verlag Klingenberg nicht. Aber das letzte Wort würde auf jeden Fall Dir gebühren, falls jetzt noch – ich habe schon gehört, dass einiges offen geblieben ist –, aber falls irgendetwas noch besonders wichtig ist, das rein sollte …?

So ad hoc befragt bin ich da immer ein bisschen schmähstad. Weiß nicht, was sollte denn noch rein? Ich glaube, jetzt kann es nur noch kitschig werden.

Das Interview wurde am 16. Februar 2022 im Schlosspark Eggenberg geführt.

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